Immer wieder rückt das Vorfußlaufen verstärkt in den Vordergrund und wird häufig pauschal als „optimaler Laufstil“ beworben. Diese vereinfachte Betrachtungsweise übersieht jedoch entscheidende biomechanische und physiologische Aspekte, die in der wissenschaftlichen Literatur umfangreich dokumentiert sind.

Warum Vorfußlaufen nicht generell optimal ist:
Eine verbreitete Fehleinschätzung ist, das Vorfußlaufen generell für alle Laufarten – vom Sprint bis zum Marathon – als ideale Technik zu betrachten. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass Vorfußlaufen vor allem während der Beschleunigungsphase von Vorteil ist, beispielsweise bei Sprints oder anderen explosiven Bewegungen (Lieberman et al., 2010). Die biomechanischen Vorteile resultieren hierbei aus der besseren Nutzung der elastischen Energie der Achillessehne und Wadenmuskulatur.
Jedoch unterscheidet sich die Laufmechanik im Langstreckenbereich oder beim Joggen fundamental. Studien wie jene von Larson et al. (2011) zeigen, dass Langstreckenläufer eher zum Mittelfuß- oder Rückfußaufsatz tendieren, da dies die mechanische Belastung auf Achillessehne, Wade und Mittelfußknochen deutlich reduziert und muskuläre Ermüdung verzögert.
Strukturen und Anpassung bei der Transition:
Ein kritischer Fehler vieler Läufer ist ein zu abrupter Wechsel zur Vorfußtechnik, welcher oft Verletzungen provoziert. Um diesen Verletzungen vorzubeugen, müssen insbesondere Sehnengewebe, Knochen und die umgebende Muskulatur adäquat adaptieren. Sehnen (insbesondere Achillessehne und Plantarfaszie) passen sich nur langsam an erhöhte mechanische Belastungen an, wobei Studien Adaptationszeiten von mehreren Monaten beschreiben (Magnusson & Kjaer, 2019). Knochengewebe benötigt ebenfalls längere Adaptationsphasen, um die Knochenmineraldichte entsprechend zu erhöhen und Stressfrakturen zu vermeiden (Warden et al., 2014). Die ideale Vorbereitungszeit auf einen Marathon beträgt laut wissenschaftlichen Erkenntnissen bspw. 2 Jahre.
Schuhe – überschätzt in ihrer Wichtigkeit?
Auch der Rolle von Schuhen wird oft eine übermäßige Bedeutung zugeschrieben. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass nicht das spezifische Schuhmodell entscheidend für die Reduktion des Verletzungsrisikos ist, sondern vielmehr eine ausreichend lange und sorgfältige Adaptationsphase an neue Belastungsmuster (Nigg et al., 2015). Die progressive Steigerung der Trainingsbelastung ist essenzieller für eine gesunde Anpassung des Bewegungsapparates als die Wahl eines teuren oder besonders gedämpften Schuhmodells.
Fazit:
Der Vorfußlauf ist in bestimmten Situationen, insbesondere bei kurzzeitigen, hochintensiven Bewegungen, äußerst effektiv. Allerdings darf diese Technik nicht pauschal auf alle Laufarten übertragen werden. Die individuelle biomechanische Anpassung, eine sorgfältige Belastungsprogression und die ausreichende Adaptationszeit für Sehnen, Muskeln und Knochen sind entscheidende Faktoren für ein gesundes und effizientes Laufverhalten.
Literatur:
- Lieberman, D. E., Venkadesan, M., Werbel, W. A., Daoud, A. I., D’Andrea, S., Davis, I. S., … & Pitsiladis, Y. (2010). Foot strike patterns and collision forces in habitually barefoot versus shod runners. Nature, 463(7280), 531-535.
- Larson, P., Higgins, E., Kaminski, J., Decker, T., Preble, J., Lyons, D., … & Normile, A. (2011). Foot strike patterns of recreational and sub-elite runners in a long-distance road race. Journal of Sports Sciences, 29(15), 1665-1673.
- Magnusson, S. P., & Kjaer, M. (2019). The impact of loading, unloading, ageing and injury on the human tendon. Journal of Physiology, 597(5), 1283-1298.
- Warden, S. J., Burr, D. B., & Brukner, P. D. (2014). Stress fractures: pathophysiology, epidemiology, and risk factors. Current Osteoporosis Reports, 12(1), 45-54.
- Nigg, B. M., Baltich, J., Hoerzer, S., & Enders, H. (2015). Running shoes and running injuries: mythbusting and a proposal for two new paradigms: ‘preferred movement path’ and ‘comfort filter’. British Journal of Sports Medicine, 49(20), 1290-1294.
Schreibe den ersten Kommentar zu diesem Beitrag